Willkommen auf irritation.ch

Im Schriftenverzeichnis finden Sie Texte, die in den letzten Jahren entstanden sind. Sie alle verbindet das Ziel, das Dazwischen von Ich und Du/Sache zu klären, sei es als Erkenntnis, sei es als Verstehen, sei es als Intervention.

Der Begriff der ,Irritation' ist der Systemtheorie Niklas Luhmanns entnommen. Soll also wie in diesem Fall die Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft bzw. Sache erfasst werden, so ist Irritation ein unabdingbares Merkmal des Untersuchenden: Lernen ist immer Ausdruck der Irritationsfähigkeit eines Systems.

Die grösste Irritationsquelle für das Individuum einer Gesellschaft ist Kommunikation.

Ich wünsche Ihnen viel Spass und Irritation beim Lesen.

Michel Voisard


Wird über Kommunikation ein System mit einer Information konfrontiert, an die es aufgrund seiner Struktur nur bedingt anschliessen kann, spricht die Systemtheorie von Irritation. Diese wird möglich, weil ein System zur eigenen Ausdifferenzierung seine Umwelt unterteilt in eine ausgeschlossene und eine eingeschlossene Seite.

Nicht alles kann mit dem System strukturell gekoppelt werden. Entsprechend kann auch nicht alles, was es gibt, auf ein System einwirken. Kopplungen sind hochselektiv. Kausalität wird nur auf der eingeschlossenen Seite wirksam, im Bereich der Aussenseite bleibt das System indifferent. Nur die Umwelt auf der eingeschlossenen Seite ermöglicht dem System, an Irritationen anzuschliessen. Der ausgeschlossenen Seite verbleibt lediglich Destruktion als Möglichkeit der Einflussnahme, andere Formen ‚verpuffen’ als ‚Noise’, als einem dem Sinn unerschliessbaren Geräusch.

Irritation ist „immer ein systemeigener Zustand, für den es in der Umwelt des Systems keine Entsprechung gibt“, denn „alle Störung des Beobachtens ist (...) immer schon relativ auf das Unterscheiden, das dem Beobachten zugrunde gelegt wird“ Damit entsagt die Systemtheorie der Möglichkeit einer Punkt-für-Punkt-Übertragung von Information. Auch die Transformation von Irritation in Information verlässt nie den Rahmen operativer Geschlossenheit.

Irritation ist damit immer Selbstirritation. Ein System ist dann irritiert, wenn es in der Fortsetzung seiner Autopoiesis gestört wird. Sowohl bei Kommunikation als auch bei Irritation ist das, was als Information ‚verstanden’ wird, stets das Resultat systeminterner Spezifikation. Mit ‚Verstehen’ ist damit ein „selbstreferentiell situiertes Beobachten im Hinblick auf die Selbstreferenz eines anderen Systems“ gemeint, und mit ‚Beobachten’ das „Anwenden einer Unterscheidung“.*

*Aus präventiv Intervenieren, Michel Voisard, Carl-Auer Verlag, 2011
(Zitatquellen im Buch aufgeführt).