Zitate

Rückmeldung von
Prof. Dr. Verena Kast


von Michel Voisard

Der Individuationsprozess bei C.G. Jung

Diese Arbeit hat zum Ziel, das von Carl Gustav Jung entwickelte Konzept des Individuationsprozesses zu beschreiben. Zusätzliche wichtige Konzepte von Jung können allerdings nicht ausgelassen werden, da der Individuationsprozess im Zentrum seines Gesamtwerks steht. Insofern geht diese Arbeit über das Thema hinaus, erläutert auch diese Konzepte und setzt sie in Bezug zum Individuationsprozess.

Im ersten Kapitel soll der Begriff ‚Individuation’ definiert werden. Definieren muss immer auch als Abgrenzen verstanden werden, und entsprechend wird der Begriff anderen, verwandten Begriffen wie Individualisierung bzw. Individualismus gegenübergestellt. Dabei wird deutlich, dass es sich beim der Individuation um einen Differenzierungsprozess handelt.

Das zweite Kapitel zeigt auf, wo sich solche Differenzierungs- bzw. Abgrenzungs-aufgaben manifestieren können. Ein Individuum kann sich sowohl nach aussen hin, zur Umwelt bzw. Gesellschaft abgrenzen, als auch die Auseinandersetzung nach innen, zum persönlichen und kollektiven Unbewusstsein suchen. Zum ganzheit-lichen Individuationsprozess gehören beide Richtungen.

Im nächsten Kapitel wird von der Frage nach dem Beginn des Individuations-prozesses ausgehend aufgezeigt, dass innere und äussere Faktoren in Richtung einer bewussten Individuation drängen können. Zudem wird auf die ‚Bestimmung’ als weiteren, wohl wichtigsten auslösenden Faktor des Individuationsprozesses eingegangen, da ein innerer oder äusserer Faktor allein, z.B. Not, nicht ausreicht.

Anschliessend folgt die Beschreibung des eigentlichen Individuationsprozesses. Im dialektischen Prozess zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein kommt es zur sogenannten ,transzendenten Funktion’, zu einer Annäherung dieser beiden Teile der Psyche. Anhand der bereits im zweiten Kapitel aufgeführten Differenzierungs-aufgaben werden die Offenbarungsmöglichkeiten des Unbewussten sowie Anhaltspunkte für einen gelungenen Prozess aufgeführt. Jede dieser Aufgaben wird kurz beschrieben und der jeweils damit verbundene Prozess erläutert.

Abschliessend werden Funktion und Konsequenzen der Individuation aufgeführt. Der Individuationsprozess führt zu einer ‚Verselbstung’, macht einen zum Wesen, das man ist, und dies kann im Gegensatz zu sozialen Normen stehen und entsprechende Konflikte hervorrufen. An dieser Stelle wird deutlich, dass es beim Individuationsprozess nicht darum geht, etwas Besseres zu werden, sondern ganzheitlicher. Ganzheitlichkeit bedeutet hier, auch Negatives, Unangenehmes zu akzeptieren bzw. Unkonventionelles zu wagen - das Glück der Ganzheit hat seinen Preis.

Zitate*

Im Gegensatz zur ‚Verselbstung’ beim Individuationsprozess spricht Jung denn auch beim Individualismus von ‚Entselbstungen’ zugunsten einer äusseren Rolle bzw. einer eingebildeten Bedeutung. In ersterem Falle tritt das Selbst in den Hintergrund gegenüber der sozialen Anerkennung, in letzterem gegenüber der autosuggestiven Bedeutung eines Urbildes. In dieser Aussage zeigt sich die Form des Individuationsprozess nochmals deutlich als zweifachen Differenzierungsprozess: nach aussen und nach innen.“

Nicht immer gelingt der Kompromiss zwischen Individuum und Sozietät. Es kommt zwangsläufig zu Konflikten, zu Zusammenstössen bzw. zu Situationen, in denen ein Individuum überfordert ist. Nicht alle Konflikte haben denselben Stellenwert für ein Individuum, was sich unschwer an der Heftigkeit der Reaktion ablesen lässt. Einzelne grössere Konflikte, Traumas, viele wiederkehrende kleinere Verletzungen und/oder Reizworte können jedoch immer wieder einen bestimmten ‚Nerv’ eines Individuums treffen und emotionale Überreaktionen hervorrufen.“

Diese Gegensatzproblematik verdeutlicht ein wichtiges Merkmal des Selbst, die Ganzheit. Jung nannte das Selbst eine Vereinigung der Gegensätze ohne die es keine Erfahrung der Ganzheit gibt. Im Individuationsprozess stellt sich diese paradoxe Eigenschaft des Selbst auf besondere, schwerwiegende Weise. Gut und Böse verlieren ihre scharf umrissenen Konturen und stellen an den Menschen, mit guten und mit dunkeln Kräften seines Selbst konfrontiert, neue ethische Forderungen.“

Wie alle Archetypen ist das Selbst unbeschreibbar, unbestimmbar, lediglich als unerreichbarer Horizont vorhanden.“

Im Individuationsprozess geht es nun darum, dass Menschen ihre Verschiedenheit nicht nur von der Persona, sondern auch von der Anima bzw. dem Animus einsehen, die Verdrängungen der gegenteiligen Züge und Neigungen aufheben, und dies, ohne sich von diesen Archetypen vereinnahmen zu lassen.“

Daraus lässt sich schliessen, dass nicht jeder Mensch diese innere Bestimmung für den bewussten Individuationsprozess in sich trägt, denn dies hiesse, dass es sich um einen allgemeinen (teleologisch zu denkenden) Plan handelte, sich demnach alle Individuen, die sich noch einer übermässigen Unbewusstheit erfreuen, durch einen unwiderstehlichen Drang zu höherer Bewusstheit getrieben werden, was offenkundig nicht der Fall ist.“

Hier [Persona] geht es darum, den Anteil des Selbst in der gespielten Maske zu erkennen und das Mass der Anpassung an die Ansprüche seitens der Gesellschaft.“

Zusammenstösse, Konflikte und Situationen, die immer wieder ähnliche emotionale Reaktionen hervorrufen, weisen auf störungsanfälligen Stellen, die Komplexe, hin und hindern die Entwicklung.“

Der Individuationsprozesses führt in Richtung Ganzheit, deshalb wird es zu einer Aufgabe, diese Polarität aufzuheben. An deren Stelle tritt eine Paradoxie. Für eine Persönlichkeit heisst dies, dass sie Kraft eigener Vernunft, eigener Entscheidung und Verantwortung polarisierende Fragen, wie z.B. diejenige nach Gut und Böse, sorgfältig behandeln muss, ohne auf konventionelle Antworten zurückgreifen zu können.“

Es geht also an dieser Stelle des Individuationsprozesses darum, persönliche Inhalte von den Inhalten der Kollektivpsyche zu trennen.“

Das Unbewusstsein kompensiert Fehlverhalten des Bewusstseins, indem es auf bewusste Inhalte reagiert. Die ganz andere Beschaffenheit des Unbewusstseins macht es dem Bewusstsein nicht einfach, zu verstehen, was es zum Ausdruck bringen will.“

Diesen Umstand hat Jung an anderer Stelle als Einsamkeit bezeichnet, die einen im Prozess der Individuation erwartet, denn die Entwicklung der Persönlichkeit aus ihren Keimanlagen zur völligen Bewusstheit ist ein Charisma und zugleich ein Fluch: ihre erste Folge ist die bewusste und unvermeidliche Absonderung des Einzelwesens von der Ununterschiedenheit und Unbewusstheit der Herde. Das ist Vereinsamung, und dafür gibt es kein tröstlicheres Wort. Davon befreit auch keine noch so erfolgreiche Anpassung oder noch so reibungslose Einpassung in die bestehende Umgebung, keine Familie, keine Gesellschaft und keine Position. Die Entwicklung der Persönlichkeit ist ein solches Glück, dass man es nur teuer bezahlen kann.“

*Originalzitate sind in der Arbeit entsprechend gekennzeichnet, die Quellen im Literaturverzeichnis aufgeführt (siehe PDF).
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Rückmeldung

Das ist eine sehr, sehr schöne Arbeit. Bloss die Überschrift "Berufung" kommt mir etwas zu theologisch vor. Aber das tut der Arbeit, von der ich begeistert bin, keinen Abbruch.
Prof. Dr. Verena Kast
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