Perspektiven von Medienwirkung

Zitate

Bewertung von Prof. Dr.
Klaus Neumann-Braun


von Michel Voisard

Perspektiven von Medienwirkung
Medienwirkungsforschung – Publikums- bzw. Rezeptionsforschung:
Unterschiede, Gemeinsames, Paradoxien

„Für alle ist etwas vorgesehen, damit keiner ausweichen kann". Dieses oft verwendete Zitat weist auf mögliche Perspektiven einer Medienbetrachtung hin: Diejenige auf eine ‚vorsehende’ Instanz, die Produzenten, oder auf Rezipienten. Und es schreibt allen Beteiligten implizit bestimmte Rollen zu: Einerseits eine alles ausfüllende Rolle und andererseits eine unausweichliche.

In dieser Arbeit werden Theoriemodelle beschrieben, ihre unterschiedlichen Perspektiven analysiert, entsprechende Rollenzuschreibungen aufgedeckt und Begrifflichkeiten den jeweiligen Perspektiven zugeordnet. Das Konstrukt, das uns ein Bild, eine Wahrheit und schliesslich eine Theorie von den Medien erlauben soll, ist Resultat des Zusammenspiels von eingenommenem Standpunkt und davon abhängiger Perspektive. Perspektiven sind das konstituierende Element unter-schiedlicher Ansichten über Medien, welche dann in ihrer Tendenz medienneutral, medienoptimistisch, medienkritisch ausfallen können.

Seit 1947 ist der Markt der Medienangebote gewaltig und unaufhörlich ange-wachsen. War das eingangs erwähnte Zitat bereits 1947 zutreffend, ist die heutige Dichte von Medienangeboten vergleichsweise unvorstellbar. Entsprechend dieser wachsenden Fülle stieg auch der Medienkonsum ständig an - jedermann, jederzeit, überall. Kaum verwunderlich, dass diese Perspektive Angst und Be-fürchtungen auslösen kann; Angst um die Freiheit jenseits von Medienspuren, Angst vor negativen Einflüssen, Fremdbestimmung, und schliesslich vor fehlender Medienkompetenz auf Seiten der Rezipienten.

Medienwirkung! Medienwirkung? Medienwirkung. Ein Thema mindestens so alt wie die griechische Antike, dessen Umfang heutzutage jeglichen Überblick verwehrt. Zudem finden sich unterschiedliche Bezüge, sowohl elaborierte, differenzierte als auch reisserische, oberflächliche. Die Hauptunterscheidungen lassen sich auch hier mittels der Perspektive ablesen. Die Sicht des Werbers unterscheidet sich von derjenigen der Konsumenten, und die Perspektive des Medienwissenschaftlers kann dann sowohl die eine oder die andere berücksichtigen, oder gar versuchen, beide Sichtweisen in seine Betrachtung einzuschliessen. Medienwirkung ist zudem nicht ohne Bezug zu Kausalitäten zu denken, die ihrerseits grundsätzlich nicht ab-schliessend behandelbar sind . Kausalitäten beziehen sich stets auf Ursachen. Welche Ursachen selektiert werden, bestimmt die Perspektive, und umgekehrt: Die Perspektive bestimmt, welche Ursachen selektiert werden. Auch im Fall der Untersuchung nach der Beziehung von Medien und Rezipienten bzw. der Frage nach Medienwirkungen heisst das also, dass Perspektiven immer das Resultat von Selektionen sind, mit allen daraus resultierenden Konsequenzen.

Die Arbeit ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil werden Begriffe durch-leuchtet, die im Zusammenhang der Analyse von Medien, Rezipient und der Beziehung der Teilnehmer von Medienkommunikation stehen. Perspektiven der qualitativen, der quantitativen Forschung und theoretische Überlegungen stehen dabei im Mittelpunkt.

Im zweiten Teil werden Perspektiven von Medienwirkung, diejenige der Medienwirkungsforschung und der Publikums- bzw. Rezeptionsforschung, vorgestellt und analysiert. Diese unterschiedlichen Perspektiven wie auch die verschiedenen Perspektiven innerhalb dieser beiden Strömungen führen zu un-terschiedlichen Ansichten zur Frage nach Medienwirkung bzw. „Medienwirkung“, aber auch zu unterschiedlichen Menschenbildern. Die spezifischen Fragestel-lungen, die in diesem Zusammenhang untersucht werden, sind in der Einleitung des zweiten Teils erörtert.

Im dritten Teil werden aufgrund der aus der Perspektive dieser Arbeit gewonnen Einsichten Schlüsse gezogen. Die Unterscheidung von Ebenen, aber auch die mit den Perspektiven verbundenen Menschenbilder zeigen eine wichtige Gemein-samkeit der eigentlich konträren Positionen auf. Diese muss jedoch ausgeblendet werden, um die bezogene Perspektive nicht zu gefährden. Wird dieser Umstand berücksichtigt, eröffnet sich eine andere Perspektive in Bezug auf Medienwirkung.

Zitate

Untersuchungen zur Mediennutzung haben mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die nur zum Teil überwunden werden können. Eine sorgfältige Untersuchung muss deshalb im voraus festlegen, welche und wie viele Irrtümer ihrem Gegenstand angemessen sind. Ergebnisse müssen dementsprechend vorsichtig interpretiert werden.“

‚Medienrezeption’ umfasst komplexe Prozesse, die von vielen Faktoren beeinflusst werden und viele verschiedene, zum Teil aufeinander bezogene Phasen durchläuft. Die Rezeptionssteuerung der Rezipienten kann deshalb auf unterschiedliche Art und Weise durchgeführt werden und ist abhängig von vielen Variablen. Auch wenn hier allgemeine Merkmale der Rezeptionsprozesse aufgeführt werden, bleibt jede Rezeptionssituation ein einzigartiges Gefüge von Ereignissen und folgt eigenen Regeln.“

Die Beurteilung des Potentials von Medienwirkung variiert entsprechend der vertretenen Perspektive. Eine eindeutige Aussage lässt sich allerdings nur im ursprünglichen Stimulus-Response-Modell machen. Hier erscheint die Medienwirkung als gross. Sobald jedoch dieses Modell durch zusätzliche Variablen erweitert wird, verändert sich auch das Wirkungspotential der Medien und lässt sich nicht mehr eindeutig bestimmen.

Medienwirkung wird damit zu einer Frage der Kompetenz und der sozialen Situation.“

Sowohl Perspektiven der Medienproduktion und Distribution, als auch solche der Rezeption von Massenmedien bergen unzählige Variationen. Welche von ihnen als Stimuli bzw. als entsprechende Reaktion darauf bestimmt werden, ist eine Frage der Selektion in Abhängigkeit einer wieder anderen Perspektive, in diesem Fall des zugrundeliegenden Kommunikationsmodells.

Sowohl Medienwirkungs- als auch Publikums- und Rezeptionsforschung basieren hinsichtlich der Rezipientenrolle auf der Unterscheidung ‚aktiv/passiv’. Dabei wird jeweils nur die eine Seite dieser Unterscheidung benutzt, der explizite Wiedereinbezug der anderen Seite bleibt untersagt, um die Grundlage der eigenen Theorie nicht zu gefährden“

Die Frage nach Wirkung ist demzufolge vor allem eine Frage der Perspektive.“

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Bewertung

Eine der besten Arbeiten, die ich gelesen habe seit ich in Basel bin. Sehr sorgfältig, belesen, reflektiert. Beim Vergleich von Handlungstheorie und Systemtheorie auf der Ebene jeweiliger Kommunikationsbegriffe ist Vorsicht geboten, da so gleichzeitig unterschiedliche Gesellschafts- und Menschenbilder eingeebnet werden (Subjekt vs. System).

Prof. Dr. Klaus Neumann-Braun

Die Seminararbeit wurde von Prof. Dr. Klaus Neumann-Braun mit dem Ergebnis
6.0 (CH) bewertet.

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