Die Offen-Geschlossen-Paradoxie von Systemen (PDF)

Zitate

Rückmeldung von
Prof. Dr. Urs Stäheli


von Michel Voisard

Die Offen-Geschlossen-Paradoxie von Systemen
Interventionsberufe, ihre Grenzen und Widersprüche


Systeme sind operativ geschlossen und bestimmen aufgrund eigener Operationen, was systemrelevant ist und was nicht. Deshalb sind Einflussnahme bzw. Kausalität, systemtheoretisch gesehen, immer Sichtweisen von Beobachtern, abhängig von deren Standpunkten. (...) Da Irritation, genauer gesagt: Selbstirritation, möglich ist, sind Systeme nicht nur geschlossen, sondern offen zugleich. Sie müssen stets bestimmen, was aus der kontingenten Fülle von Informationen aus ihrer jeweiligen Umwelt sie als relevant markieren. Damit wird deutlich, dass bei dieser Theorieanlage Geschlossenheit und Offenheit einander gegenseitig bedingen, beides sind Systemvoraussetzungen.

Diese Arbeit geht der Paradoxie ‚Systeme sind offen und geschlossen’ nach und zeigt auf, wie sie in der Systemtheorie von Luhmann entfaltet wird. (...) Paradoxien sind deshalb für die Systemtheorie nach Luhmann grundlegend. Weder verhindern sie den Anschluss weiterer Operationen, noch sind sie etwas, das es, wie etwa bei der Logik, zu vermeiden gilt.

Weiter geht es um die Frage, ob Systeme offen oder geschlossen sind. (...) Während Selbstreproduktion nur in geschlossenen Systemen möglich ist, bedingt das Überleben eines Systems immer auch die Berücksichtigung ökologischer Gegebenheiten, entsprechend setzt die Selbstreproduktion menschlichen Lebens eine bzw. die Gesellschaft voraus.

Nun stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von System und Umwelt. (...) Das System bestimmt hochselektiv, welche Umweltgegebenheiten über eigene Operationen berücksichtigt werden. Ihm öffnet sich ein schmaler Umweltausschnitt, jedoch stets nach Massgabe systemeigener Strukturen. Kausalität bleibt wiederum Sache eines Beobachters.

Kausalität, die Frage von Offen- und Geschlossenheit, von Selbst- und Fremdreferenz und der Beobachtung werden durch Einschübe und Verweise in Bezug zu Interventionssysteme gesetzt. Interventionssysteme, wie etwa Erziehung oder Soziale Arbeit, haben zum Ziel, die Operationen anderer Systeme zu beeinflussen. Interventionsberufe stehen folglich orthogonal zur Theorie der operativen Geschlossenheit.

(...) Zum Abschluss werden wichtige Konklusionen für Interventionssysteme abgeleitet, die sich aus der Theorie der operativen Geschlossenheit ergeben.

Zitate

„Die Beobachtung der ‚Welt’ beginnt also mit einer Paradoxie.“

„Der Offen-Geschlossen-Paradoxie folgt also die Unterscheidung von Fremd- und Selbstreferenz. Diese enthält wiederum eine Paradoxie, denn wie soll Fremdreferenz bei operativer Geschlossenheit möglich sein?

„Definierte Kausalität ist deshalb immer eine Reduktion von ‚Welt’.“

Systeme müssen auf zwei unterschiedlichen Ebenen die Komplexität ihrer Umwelt reduzieren. Zum einen können sie Dinge in ihrer Umwelt mit den eigenen Operationen nicht ‚berühren’, noch können sie sich auf alles einlassen, was in ihrer Umwelt existiert und abläuft. Sie müssen notgedrungen eine Auswahl treffen und diese dann nach Massgabe eigener Strukturen beobachten, das heisst, sie müssen stets Unterscheidungen treffen.“

In der Systemtheorie hat sich der Begriff der ‚Irritation’ durchgesetzt. Dieser wird benutzt, um aufzuzeigen, dass die hochselektive Wahl aus der Masse von Ereignissen in der Umwelt, die auf Systeme einwirken können, erst im System zur Information wird. Die Systemtheorie unterscheidet also ‚Irritation’ und ‚Information’. Erst innerhalb des Systems folgt aus der Irritation ein ‚Verstehen’ als Information, und daraufhin eine Anpassung der Strukturen, der Aufbau von eigener Komplexität.

„Dieser Paradigmawechsel impliziert eine völlig andere Haltung gegenüber den Zielgruppen von Interventionssystemen. Mit ihm rückt zudem die Selbstverständlichkeit von Intervention unweigerlich in den Hintergrund, sie wird ersetzt durch die Prämissen der operativen Geschlossenheit von Systemen und der Beobachterabhängigkeit von Kausalität. Interventionserfolge, auch die Misserfolge, werden zur Sache eines Beobachters und die Veränderung zur
Sache der Systeme selbst, die stets nach Massgabe eigener Strukturen operieren
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Rückmeldung

Die Arbeit hat mir sehr gut gefallen, sie argumentiert auf hohem Abstraktions-niveau und bleibt gleichzeitig auch sehr verständlich. Sie argumentieren zielorientiert, wodurch auch ein guter Lesefluss entsteht. Auch der Ausblick auf die Konsequenzen für Interventionsberufe ist überzeugend, wenn auch knapp (aber dem Rahmen einer PS-Arbeit angemessen). Einige inhaltliche Fragen ergeben sich bezüglich a) Formbegriff: Sie folgen Luhmann in der Beschreibung der Form als immer schon paradox. Hier hätte ich mir eine ausführlichere Erläuterung gewünscht; insbesonderen zum Verhältnis dieser a priori gegebenen Paradoxie und den spezifischen paradoxen Aussagen. b) existentielle Abhängigkeiten: Der Vorschlag ist zwar stimmig, würde aber erfordern den Existenzbegriff zu klären. Sind die existentiellen Abhängigkeiten logischer oder historischer Natur? Ab wann gilt etwas als existentiell?

Insgesamt eine sehr schöne Arbeit, die ich mit sehr gut (6.0; CH) bewerte.
Prof. Dr. Urs Stäheli
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