Rezension im SuchtMagazin
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Martin Hafen

ISBN: 3-906413-28-4
Euro 19.90/SFr. 29.80


Rezension von Michel Voisard
Erschienen im SuchtMagazin Nr. 5; Oktober 2005

Soziale Arbeit in der Schule zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Ein theorie-geleiteter Blick auf ein professionelles Praxisfeld
von Martin Hafen

Die Kooperation von Sozialer Arbeit und Schule erweist als nicht immer einfach: Mangelnde Ressourcen, unterschiedliche Funktionen, divergierende Auffassungen und gegenseitige Kritik stehen einvernehmlichem Vorgehen der beiden Disziplinen oft im Weg. Martin Hafen zeigt mit seinem Buch ein feines Gespür für die Ursachen, für die Vielfalt und Komplexität der Schwierigkeiten, welche bei der Zusammenarbeit von Fachleuten der Sozialen Arbeit und dem Lehrkörper und andern Angestellten einer Schule auftreten können.

Martin Hafen nutzt die soziologische Systemtheorie um diesen „Fall“ zu analysieren. So beginnt das Buch mit einer kurzen Einleitung, die alles bisher über die Systemtheorie Gesagte Lügen straft. Eine so locker-einfache und dennoch fundierte Einleitung – Martin Hafen dürfte in der Schweiz zu den profundesten Kennern der Luhmannschen Systemtheorie gehören – in die wichtigsten Begriffe und Konzepte der Systemtheorie hat es wohl noch nicht gegeben. Locker, weil es an Humor nicht fehlt, und einfach, weil Martin Hafen die (Schul-)Realität kennt, diese in Form von aktuell relevanten Beispielen für die Einführung der soziologischen Systemtheorie nutzt und sie so nachvollziehbar macht.

Diesen Erläuterungen folgt eine Analyse der beiden zentralen Funktionssysteme für die Zusammenarbeit von Sozialer Arbeit und Schule: Soziale Hilfe und Erziehung. An dieser Stelle wird das Buch komplexer, geht es doch darum, mit einem Blick in die Vergangenheit zwei Funktionssysteme zu beschreiben, zu vergleichen und ihre Kooperationsprobleme zu analysieren. Mit scharfem Blick legt der Autor unter anderem Definitionsprobleme offen (ist Sozialpädagogik nun mehr Soziale Arbeit oder doch eher Pädagogik?), zeigt Zusammenhänge auf und benennt Widersprüche. Des Weiteren kristallisiert er Schwierigkeiten heraus, die auftreten, sobald die Intervention seitens der Sozialen Arbeit sich nicht auf die Betreuung von ‚ProblemschülerInnen’ beschränkt, sondern auch präventiven Charakter annimmt und sich damit zwangsläufig mehr in den Schulbetrieb einmischt.

Die Erkenntnisse aus dieser übrigens erstmals vollzogenen, systemtheoretischen Analyse der Sozialen Arbeit in der Schule dienen nun als Basis für die folgenden Kapitel. Hier werden sowohl integrative, additiv-kooperative und subordinative Modelle als auch das von ihm bevorzugte, das niederländische interdisziplinäre Modell der Schulbegleitung vorgestellt, welches PädagogInnen und Fachleute der Sozialen Arbeit nicht innerhalb der Schule kooperieren lässt, sondern ausserhalb in einer eigenständigen Organisation.

Martin Hafen legt bei seinen Überlegungen stets die gewählten Unterscheidungen offen. Dazu kommt sein fundiertes systemtheoretische Wissen und die Fähigkeit, teils noch unausgesprochene und unerkannte Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit zu erkennen und zu benennen. Damit und mit den daraus folgenden unverklärten Erkenntnissen wird der Leser bzw. die Leserin vom Autor hinein in eine tief greifende Analyse dieser Materie geführt, die nicht davor zurückscheut, zu benennen, welches Modell warum zu favorisieren sei.

Das Buch ist ein Muss für alle, die an solchen Kooperationsvorhaben beteiligt sind. Es empfiehlt sich auch allen, die in Interventionsberufen tätig sind, oder jene, sich ganz einfach einen Einblick über eine praxis-orientierte Nutzung der Systemtheorie verschaffen wollen.

Interact Verlag, Luzern, 2005, ISBN 3-906413-28-4, ca. Fr. 30.-

Bestelladresse: Interact Verlag, Hochschule für Soziale Arbeit Luzern, Werftstrasse 1, Postfach, 6002 Luzern, Tel. 041 367 48 48, Fax: 041 367 48 49, E-Mail: interact@hsa.fhz.ch, Internet: www.hsa.fhz.ch/verlag


Oktober 2005